Susanne de la Fuente schreibt:
 

"... wo sterne sich in dich verlieben"

Mit "anorte" hat Peter Segler eine Sammlung poetischer Texte geschaffen, die so schön, so fremdartig und so verwirrend ist wie ihr Titel. Dem Buch ist ein Zitat aus der Bibel vorangestellt: "Gott wohnt hier an diesem Ort, und ich wußte es nicht!" (Genesis 28,16). Damit ist etwas angelegt, das jeder Text auf seine eigene Art immer wieder aufs Neue entstehen läßt. Peter Segler zaubert Bilder vor das Auge des Lesers, die "anorte" des Geistes sind. Orte der Kindheit, der Erinnerung und der Gegenwart, die ebenso wirklich wie unwirklich sind. Orte, die frei in der Zeit schweben, denn "die zeit bleibt stehen ".
Es sind wehmütige Erinnerungen an eine heile Welt, in die sich auch der Schmerz mischt. Manchmal schleicht sich in die vordergründige Idylle die dunkle Seite der Seele ein, wenn z. B. "die alte wieder lächelnd" am Fenster sitzt, "umrankt von frisch gepflanzten petunien, geranien, und zartem, südländischen oleander", der Leser aber weiß, daß die Wirklichkeit eine andere ist: "die alte am fenster frißt ihre balkonblumen auf."
Manchmal wird das Unheil des menschlichen Daseins aber auch deutlich genannt: "und beginne hastig zu sterben" oder "die angst hat / keinen namen". Das Eine existiert ohne das Andere nicht, über allem schwebt die göttliche Fügung, die zu begreifen dem Menschen manchmal nicht gegeben ist. Doch das Universum ist gütig, und dann gibt es Orte oder "anorte", "wo sterne sich in dich verlieben".
Manchmal fehlt "die straße", ist einfach nicht mehr da, dann passiert dem Menschen etwas, denn "er spürt die zeit unter seinen füßen zerrinnen ". Da hilft dann nur eines: der Sprung, der gewagte Schritt in das Nichts, oder auch an einen der von Gott oder einer höheren Macht beseelten "anorte".
Wie man sich diese "anorte" vorzustellen hat? Eines steht fest: Es gibt sie - überall und jederzeit. Um sie zu entdecken, brauchen wir vielleicht den Dichter, der von sich behaupten kann: "meine worte sind krücken / einer gestohlenen zeit". Oder einfach nur ein Gespür für das, was schon da ist, in seiner ganzen Bedeutung aber erst noch entdeckt werden darf: "weiß ist ein anderes wort für heimkehr". Die Aufgabe des Dichters ist damit nicht beendet, "nicht ehe aller / schmerz / sich auf die unbe- / schriebenen seiten / legt".
Denn "das land" ist "nie ausgeträumt" - das Land der "anorte", der vielen geheimnisvollen und poetischen Orte in Zeit und Raum, die es für den Leser bei Segler zu entdecken gibt. Als Beginn einer lebenslangen Reise hin an die "anorte" des Seins ist die Lektüre dieses liebevoll von Volker Beyer illustrierten Buches unbedingt zu empfehlen.

Susanne de la Fuente